THEATER DER ZEIT

 

Der feine Unterschied

Die Schauspielerin Katherina Lange: mit Witz und im Besitz der doppelten Erfahrung

Ein Porträt von Christian Baumgärtel

 

Doris will ans Theater. Oder zum Film. Auf jeden Fall ganz nach oben. Die Schönheit vom Land ist in die große Stadt gekommen, weil sie von einem Leben träumt wie auf der Leinwand. Ein "Glanz" will sie werden, einfach nur scheinen. Sie spürt, daß in ihr etwas ganz besonderes ist. Dumm nur, daß niemand sonst es merkt. Nicht die Anwälte im Büro, die ihr die Anstellung als Sekretärin gekündigt haben, und auch nicht die Leute vom Film, wo sie nur eine Statistenrolle bekommen hat. Und so erzählt die Provinzschönheit vom Vater, zu dem sie nicht zurückwill, und von Hubert, an den sie zuviel denken Muß, vom Leben im Luxus, nach dem sie sich sehnt, und von den Leberwurstbroten, von denen ihr schlecht ist. Der schöne Schein, er strahlt bekanntlich dort am hellsten, wo er sich in der Gosse spiegelt.

 

Über hundert Mal hat Katherina Lange das "Kunstseidene Mädchen" im Nachtfoyer des Frankfurter Schauspiels gespielt. Nach der zweihundertsten Vorstellung, erzählt sie lachend, sei Schluß. Lange selbst ist inzwischen freie Schauspielerin, wohnt wieder in Berlin, nur für die Rolle der Doris in Irmgard Keuns Großstadtrevue kehrt sie noch regelmäßig an den Main zurück. Viel Aufwand für ein kleines Soloprojekt, zumal die Fünfunddreißigjährige nicht über Nachfrage von den großen Bühnen klagen kann. In Hamburg sächselte sie vor kurzem noch als Rosalinde in der "Fledermaus", in Basel steht sie derzeit in Ibsens "Volksfeind" auf der Bühne, und in Frankfurt laufen noch die letzten Vorstellungen von Carl Sternheims "Die Hose". Zu Irmgard Keuns Romanfigur allerdings hat die aus Weimar stammende Schauspielerin ein besonderes Verhältnis. "Das 'Kunstseidene Mädchen' hat für mich sehr viel mit der Zeit zu tun, in der es erarbeitet worden ist: Mit meinem Wechsel aus dem Land, das es nicht mehr gibt, in eine neue Welt, wo man sich erst mal nicht zurechtfinden kann, wo man Enttäuschungen erlebt, wo man die Spielregeln nicht einhalten kann, weil man sie nicht kennt. Deswegen hänge ich sehr daran."

 

Katherina Lange gehört zu den wenigen etablierten Ost-Schauspielern, die sich nach 1989 in den Westen orientiert haben. "Leute wie Tom Kühnel und Robert Schuster sind ja eine andere Generation. Die kamen ja direkt von der Schule, sind hier reingewachsen. Aber bei meiner Generation ist das anders. Ich habe sieben Jahre DDR‑Theater gespielt. Das prägt einen noch nicht sehr, aber es prägt einen ‑ besonders am Anfang." Und ganz besonders, wenn der Intendant Gerhard Meyer heißt. Unter seiner Leitung spielte sie am städtischen Theater Karl‑Marx‑Stadt ihre ersten Rollen, in Heiner Müllers "Der Bau" und in lbsens "Volksfeind", beide in der Regie Frank Castorfs. Prägend auch, wenngleich auf andere Weise, die Arbeit mit ihrer Mutter Irmgard Lange, die sie als Irina in Tschechows "Drei Schwestern" und weibliche Titelrolle in "Romeo und Julia" besetzte. Passender allerdings wäre wohl die Elektra gewesen, denn die Zusammenarbeit gestaltete sich derart traumatisch, daß Katherina Lange sich durch eine Vertragsklausel von der Arbeit mit der Mutter befreien ließ. "Es ist einfach schrecklich, mit der eigenen Mutter zu spielen. Man ist sofort in der tiefsten Pubertät angelangt, wird ein Greuel für die Kollegen, weil man mit dem Fuß aufstampft und Heulkrämpfe kriegt."

 

Prägend vor allem aber war schließlich der Wechsel zum Staatsschauspiel Dresden, wo sie mit ihrem langjährigen Regisseur und Mentor Wolfgang Engel unter anderem die Lavinia in Müllers "Anatomie Titus", die Helena in "Faust 2" und die Titelrolle in Goethes "Stella" spielte. "Unter Wolfgang Engel waren wir so etwas wie eine Familie. Und da bleibt man gern zusammen." Engel war es auch, der sie und eine Handvoll anderer Schauspieler 1992 aus Dresden nach Frankfurt mitbrachte, ins "Bermuda‑Dreieck". Die Jessica im "Kaufmann von Venedig" spielte sie hier unter seiner Regie und die Prinzessin Eboli im "Don Carlos". Als Wolfgang Engel vorzeitig nach Leipzig wechselte, entschied sich Lange, in der Bankenstadt zu bleiben.

 

Katherina Lange ist eine Ensemble‑Schauspielerin, auch wenn sie inzwischen als freie Schauspielerin arbeitet und nach den Jahren des Frankfurter Theaterstreits Zweifel hegt an der Zukunft des Ensemble‑Betriebs. Die persönlichen Beziehungen zu den Kollegen, die gemeinsame Arbeit am Text sind ihr ebenso wichtig wie das fertige Produkt. Ausgebildet in Berlin an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch", legt sie Wert auf das Handwerkliche ihres Berufs. Die Arbeit an der Rolle, nicht die Person des Schauspielers stehe im Vordergrund, auch wenn das nicht immer goutiert werde. "Uns DDR‑Schauspielern wird ja immer vorgeworfen, daß wir zuwenig Schwingungen haben, uns zu wenig Freiräume suchen. Aber das hat nichts mit mangelndem Talent der Leute zu tun, sondern mit einer gewissen Disziplin, die dort vorhanden war. Es wurde das Stück bedient, nicht der einzelne Schauspieler."

 

Bei aller Betonung der Disziplin, eine bloße Handwerkerin ist Katherina Lange nicht. Natürlich gebe es auch Rollen, in denen sie sich falsch besetzt fühlte, im "Tod eines Handlungsreisenden" zum Beispiel, als alternde Mrs. Loman neben dem zweiund-sechzigjährigen Rudolf Donath. Oder zuletzt im Dezember als laszive Kate in Pinters "Alte Zeiten". Hans Falár (Regie) hatte die Figur als gelangweilte Verführerin angelegt, eine Haltung, in der sie sich sichtlich unwohl fühlte. Wenn Katherina Lange die erwachsene Frau spielt, ist das pubertierende Mädchen nicht weit, wo sie von großen Gefühlen träumt, sind es meist die der anderen.  In der Oper,  schrieb ein Frankfurter Kritiker über sie, hätte sie wahrscheinlich das Fach der Soubrette.  Im Schauspiel ist sie häufig die Intrigantin oder  Kupplerin im  Hintergrund, wie zuletzt als neugierige Nachbarin   Gertrude Deuter in Carl Sternheims "Die Hose".

 

Lange hat eine Neigung zum Leichten, Komischen, auch Lauten. Doch hinter der trotzigen Fassade scheint immer wieder eine tiefe Zerrissenheit ihrer Figuren durch.  Im  "Wunderkind",  dem zweiten  Soloprogramm in Frankfurt, spielte sie vor drei Jahren die pubertierende Tochter einer Schaustellerfamilie im Berlin der dreißiger Jahre, eine Kunstfigur ihres Lebensgefährten Volker Kühn nach Friedrich Hollaenders "Lieder eines armen Mädchens". Und in dem Nachkriegskabarett "Wir Hinterbliebenen" begeisterte sie als Alexander Hunzingers "Schräge Braut." Ob "kunstseidenes Mädchen", "Wunderkind" oder "schräge Braut" - es sind Außenseiter des bürgerlichen Lebens, tragikomische Figuren, für die Anspruch und Wirklichkeit ihrer Existenz auseinanderklaffen. "Die Leute lachen zwar darüber, aber sie lachen eigentlich über einen traurigen Moment. Die Figuren sind Verlierer, Menschen, die ganz unten sind und nach oben schauen. Das verbindet sie, auch wenn sie vom Charakter ganz verschieden sind."

 

Das Herausfallen aus der Sicherheit bestehender Ordnungen, der Blick von außen auf eine fremdgewordene Welt ‑ für Katherina Lange liegen in dem Schrägen ihrer Figuren auch "sehr viele persönliche Momente". In Frankfurt hatte ich das Gefühl, ich müßte mich erstmal beweisen, zeigen, daß ich den Beruf überhaupt kann. Ich habe eine tolle Position in Dresden aufgegeben für eine absolut neue Geschichte, von der ich nichts wußte." Die genaue Arbeit am einzelnen Satz gewohnt, mußte sie sich die Aufmerksamkeit von Regie und Intendanz erst neu erarbeiten. Mit Hans Hollmann und Schauspielchef Peter Eschberg habe die Zusammenarbeit nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gut funktioniert, weniger gut dagegen dort, wo sie von der Regie alleine gelassen wurde, wie etwa in Thomas Schulte‑Michels' Uraufführung von Antonio Lamas' "Die Morde der jüdischen Prinzessin". Aus der Produktion stieg Lange nach kurzer Probenzeit wieder aus. "Als Schauspieler verliebt man sich gewissermaßen ja in seinen Regisseur. Es ist eine Art Liebesverhältnis, auch ein erotisches, sinnliches Verhältnis. Für Männer wie für Frauen. Und wenn das nicht funktioniert, dann kann es ganz schnell ins Gegenteil umschlagen, neurotisch werden."

 

Inzwischen hat sie sich aus dem Ensemble‑Betrieb gelöst, kann sich als freie Schauspielerin ihre Rollen auswählen. Die Freiräume, die die Regie ihr läßt, hat sie zu nutzen gelernt. Zwar beschreibt sie sich selbst als eher konventionelle Schauspielerin, doch vertraut sie stärker auf ihre Präsenz. "Ich verstelle mich ja nicht so sehr auf der Bühne. Ich bediene zwar eine Rolle, aber es ist mein Körper, der sich da bewegt, meine Stimme. Der Castorf hat mir mal gesagt: 'Nicht so viel lügen'. Klar." Frank Castorf war es auch, der sie noch während ihrer Zeit in Frankfurt für die "Fledermaus" nach Hamburg holte. Lange, weder eine Anhängerin des Regietheaters, noch eine ausgesprochene Operettensängerin, hatte zugesagt, weil sie ihn noch aus ihrer Zeit am Städtischen Theater Karl‑Marx‑Stadt kannte. Doch auch diese Beziehung habe sich seitdem sehr verändert. "Mit Castorf habe ich in der DDR noch zwei Stücke gespielt, die sehr schön waren. Dann haben wir uns zur 'Fledermaus' nach zehn Jahren wiedergesehen, und wir haben uns überhaupt nicht verstanden. Da fragt man sich, was ist eigentlich passiert. Zwei Ossis, die beide im Westen gelandet sind und jetzt nichts mehr miteinander zu reden haben. Das war für mich sehr traurig, weil ich den Frank Castorf sehr mag. Aber er war mir absolut fremd."

 

Im "Volksfeind", in dem sie 1988 unter Castorf in Karl‑Marx‑Stadt spielte, steht sie nun als Frau Stockmann in Basel auf der Bühne, in der Regie von Lars‑Ole Walburg. Walburg, kein Abbruchspezialist zwar, aber auch ein Regisseur, so Lange, der mehr von der Dramaturgie herkomme als von der Psychologie, hat das Stück in die Schweiz verlegt, aus dem Dissidenten von einst einen eidgenössischen Egomanen gemacht. "Die Geschichte von Thomas Stockmann ‑ ein Volksfeind werden und dann ausreisen müssen ‑ war damals in der DDR ja ganz brisant. Jetzt ist es halt mit einer jüngeren Generation, und in der Schweiz." Aber auch die habe ja durchaus Ähnlichkeiten zur ehemaligen DDR – "das Kleine, Gemütliche, Langsame". Mit der politischen Brisanz von damals freilich seien die Aufführungen heute nicht mehr vergleichbar, eine klare Haltung zum Stück zu finden ungleich schwieriger als vor zehn Jahren. Mehr noch als für einen Schauspieler seien die Freiräume im Theater für die Regie eine Herausforderung. "Man muß sich sehr stark positionieren. Heute politisches Theater zu machen, überhaupt sich politisch zu verhalten, ist schwer."

 

Also am Ende doch noch Nostalgie? Nein, sagt Katherina Lange, für die die Unterscheidung von Ost‑ und West-Theater nach zehn Jahren hinfällig ist. Die unterschiedlichen Erfahrung müsse man schon mitdenken, doch lieber unterscheidet sie zwischen guten und schlechten Schauspielern. Daß so wenige ihrer ehemaligen Kollegen sich aufgemacht hätten, bedauert sie. Vielleicht, räumt sie ein, sei sie in dieser Beziehung etwas naiv, doch die Existenzangst vieler Schauspieler kenne sie selbst nicht, auch nicht als freie Schauspielerin. "Das ist natürlich das andere Extrem, das Gegenteil zur gesicherten, unkündbaren Stellung in der DDR. Aber ich merke, daß ich, wenn ich unabhängig bin, mich freier fühle. Da bin ich gelöster, kann mit den Leuten viel offener reden, besser probieren. Und ich habe die Möglichkeit, mir Stücke auszusuchen. Natürlich muß ich auch um Dinge kämpfen. Aber ich finde das eher spannend."

    

 

 


FRANKFURTER RUNDSCHAU

 

Eine Begabung für das Leichte, das Komische, das Freche

Porträt der Schauspielerin Katherina Lange

Von Wilhelm Roth 

In einem Opern-Ensemble hätte Katherina Lange wohl das Fach der Soubrette. Ich könnte sie mir bei Mozart vorstellen: Sie würde nicht die jungen Damen aus gutem Hause singen, die an der Liebe leiden, sondern die Kammermädchen, die wissen, wie es im Leben und der Liebe zugeht, vor allem die Despina in "Cosi fan tutte". Eine ideale Soubretten-Rolle am Schauspiel Frankfürt ist für sie die Maria, die Kammerzofe der Gräfin Olivia in "Was ihr wollt". Maria ist die treibende Kraft bei der Intrige gegen den blasierten, gleichwohl armen Malvolio. Wie ein Irrwisch fegt Katherina Lange über die Bühne, liefert eine virtuose Lacharie ab, versteht sich aufs prächtigste mit den drei traurigen Clowns Rülp, Bleichenwang und Fabian.

 

Die Begabung für das Leichte, das Komische, das Freche prädestiniert sie auch für Auftritte und Rollen, die deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern sonst oft gar nicht so sehr liegen. Sie hat eine Zuneigung zum Kabarett, zum Chanson und zu den zwanziger Jahren, wo diese "Kleinkunst" in Deutschland sehr in Blüte stand.

 

Besonders wichtig für sie ist deshalb ein Programm mit Liedern von Friedrich Hollaender mit dem Titel "Das Wunderkind". Sie selbst hat dem Schauspiel dieses Projekt vorgeschlagen. Singen wird sie u.a. die "Lieder des armen Mädchens", die
Hollaender in den zwanziger Jahren für Blandine Ebinger textete und komponierte. "Eine Figur aus dem Wedding kam zur Welt", schrieb Hollaender, "eine Figur, armselig und liebenswert zugleich, in der Blandine Ebinger für viele Jahre ein Publikum zu Lachen und Tränen rührte."

 

Katherina Lange ist zwar in Weimar geboren, trotzdem wirkt sie wie eine richtige Berlinerin. Sie hat in Berlin gelebt und studiert, an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". In dem Kabarett-Abend "Wir Hinterbliebenen", eine der gelungensten Frankfurter Produktionen, war sie eine fast kindliche Berliner Göre, das Chanson "Die schräge Braut" von Alexander Hunzinger/Lotar Olias schien für sie geschrieben zu sein.

 

Ihre bisher prägnanteste Rolle und ihr größter Erfolg in Frankfurt war ein Soloauftritt als "Kunstseidenes Mädchen" nach dem Roman von Irmgard Keun aus dem Jahre 1932. Sie spielt Doris, ein Mädchen aus der Provinz, das nach Berlin kommt, ein "Glanz" sein will, den richtigen Mann sucht, aber immer an den falschen gerät: Abstieg statt Karriere. Die Rolle changiert zwischen Euphorie und Depression. Doris will und muß sich etwas vormachen, um weiterleben zu können, Männer aber durchschaut sie genau.

 

Katherina Lange spielt diese Mischung mit Witz und Gefühl, ohne Sentimentalität. 90 Minuten allein auf der kleinen Bühne im Nachtfoyer, ohne Abstand zum Publikum, das gelingt nur, weil sie bei aller Nähe Distanz wahrt, wozu auch die eingestreuten Lieder beitragen.

 

Ihre Begeisterung für diese "Kleinkunst" sei nichts Besonderes, meint Katherina Lange, das gehöre einfach dazu. Schon in den zwanziger Jahren spielte man oben bei Max Reinhardt die Klassiker, und im Keller gab es "Schall und Rauch". Wenn Hollaender von der "Gründungsversammlung" dieses Kabaretts erzählt, an der Kurt Tucholsky, Walter Mehring, Klabund oder Joachim Ringelnatz, Werner Richard Heymann, Mischa Spoliansky und Friedrich Hollaender, Paul Graetz und Blandine Ebinger teilnahmen, merkt man, daß dort wohl mehr Literatur entstand als in der Belétage, deren Hervorbringungen heute meist vergessen sind.

 

Katherina Lange kam 1992 aus Dresden nach Frankfurt, vorher hatte sie ein Engagement im damaligen Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Sie hat die Wende in Dresden ganz unmittelbar, politisch wach und engagiert miterlebt. (siehe Foto) Im Rückblick auf die DDR und beim Vergleich mit dem Leben im Westen meint sie, daß man hier mehr Verantwortung habe. Die "individuelle Schwingung" sei hier sehr viel wichtiger. Im Osten sei man von der Gesellschaft für Vorschläge bestraft worden, im Westen werde man für Fehler zur Rechenschaft gezogen. Sie hat einen kritischen Blick für die Gesellschaft, in der sie jetzt lebt, und für das Theater, in dem sie arbeitet. Wenn sie über handwerkliche Fehler von Inszenierungen spricht, kann der Kritiker viel von ihr lernen.

 

Mit ihrem Sinn für Verantwortung hat es wohl auch zu tun, daß sie gerne kleine Produktionen macht, wo ihr kaum jemand dreinredet, wo das künstlerische Ergebnis fast allein von ihr abhängt. Natürlich ist sie auch eine Ensemblespielerin, übernimmt auch "schwere" Rollen, die ihrem Naturell eher fernliegen, von der Ismene in "Antigone" bis zur Anna in "Heldenplatz", und bewältigt sie dank ihrer Professionalität, aber ganz bei sich selbst ist sie, so scheint mir, wenn sie direkt und allein dem Zuschauer gegenübersteht.

 


FRANKFURTER RUNDSCHAU

 

Intelligenz und Leidenschaft   

Katherina Lange spielt die Anna Schuster in Thomas Bernhards "Heldenplatz"

Von Dirk Fuhrig 

"Emotional sehr aufregend" findet sie ihre neue Rolle als Anna Schuster in Thomas Bernhards "Heldenplatz". Sehr anstrengend zu spielen. Tief in die Seele ihrer Figur muß sie dabei hinabtauchen. "Das Stück erzählt so viel von Heimatlosigkeit und Einsamkeit", sagt Katherina Lange und überlegt noch einen Moment, wie sie es präziser ausdrücken könnte. Ganz konzentriert und still sitzt sie da, denkt nach, und dann sagt sie plötzlich den nächsten Satz. Spannung fast wie auf der Bühne. Sie wirft kein Wort gedankenlos in den Raum, sondern scheint ihre Sätze ganz bewußt zu verfertigen.

 

So wie sie es tatsächlich oft macht, wenn sie im Theater spielt. Im "Kammersänger" von Frank Wedekind zum Beispiel, eine ihrer jüngsten Rollen. Oder in der "Gleichgewicht"-Inszenierung von Jens Schmidl. Und natürlich in ihrem Solo "Das kunstseidene Mädchen", das ihr besonders ans Herz gewachsen ist. Vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil sie sich dadurch auch endgültig die Zuneigung der Frankfurter Zuschauer erspielt hat. "Ich bin immer ausverkauft", sagt sie und freut sich ganz bescheiden drüber. Schwierigkeiten mit dem Publikum, über das manche ihrer Kollegen klagen, hat sie nie gehabt. "Die Leute hier sind zwar ein bißchen spröde, aber sehr herzlich."

 

Dabei mußte sie sich sehr umgewöhnen, als sie vor drei Jahren von Dresden nach Frankfurt kam. "Das war eine Katastrophe. Ich kam in eine ganz andere Welt." In Weimar geboren, in Dessau aufgewachsen, sah sie sich nun ganz anderen "Marktbedingungen" ausgesetzt. Die Angst vor Arbeitslosigkeit sitzt ihr jetzt noch unter der Haut. Unruhe empfindet sie hier im Westen, "Unruhe, die sich selten produktiv nutzen läßt". Nach "früher" sehnt sie sich trotzdem nicht zurück, nach ihren Anfangsjahren in der DDR, wo das Theater einen klar umrissenen gesellschaftlichen Auftrag hatte. "Das Ausführen von Konzeptionen hat aber nichts mit dem Beruf des Schauspielers zu tun." Sehr wichtig ist es ihr, wenn sie sich auf der Bühne frei entfalten kann.

 

Für Katherina Lange ist "Heldenplatz" mehr als eine maßlose Beschimpfungs-Orgie. Klar, es habe sehr viel mit der österreichischen und auch der deutschen Geschichte zu tun. Aber ganz wichtig sei auch die persönliche Ebene, die Trauer und Verlorenheit der Figuren. "Hier muß man als Schauspieler beides schaffen: Ganz klar die Gedanken produzieren und gleichzeitig das Gefühl spielen."

 

Das sind die Rollen, die ihr liegen: Wenn sie "emotional, intelligent, schnell" sein kann. Oder, sie korrigiert sich: "nicht emotional, besser: leidenschaftlich". Charaktere wie Shakespeares Julia, als die sie ganz zu Beginn ihrer Laufbahn am Theater in Karl-Marx-Stadt auf der Bühne stand. Schon kurz nachdem sie die Ausbildung an der Ost-Berliner Ernst-Busch-Schule abgeschlossen hatte. Damals arbeitete sie mit Regisseuren wie Wolfgang Engel oder Frank Castorf zusammen. "Ich hatte Glück. Es war ganz toll, als ich anfing, weil ich lauter tolle Rollen spielen durfte." Die ihr nicht immer gelungen seien. "Manche davon habe ich ziemlich in den Sand gesetzt." Das sagt sie scheinbar ernst. Und lächelt doch ein bißchen selbstironisch dabei. 

 


FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

 

Herzhaft unter dünner Haut

Die Schauspielerin Katherina Lange spielt Ayckbourn

von Irene Bazinger 

 

Nikki ist Mitte dreißig, kann nicht lange allein sein, lebt in den Tag hinein, liebt die Liebe. Und was tut sie, wenn im Haushalt eine Glühbirne ausgefallen ist? "Ich schmeiß mich auf den Boden und schrei." Der nächste Mann ist nicht weit, und der Erfolg gibt diesem Weibchen mit seiner Niedlich‑aber‑doof‑Strategie durchaus Recht. Katherina Lange zeigt deren nai­ves Mann‑ und Weltvertrauen im Renaissance‑Theater so überzeugend, als würde sie zu Hause nicht anders zu Werke gehen. Allerdings schaut die in Weimar geborene Schauspielerin nicht gerade begeistert, wenn sie so etwas hört. "Man ist ja nicht identisch mit der Person, die da oben auf der Bühne steht", sagt sie, und so wie die gutgläubige Nikki in "Things We Do For Love" sei sie "nie, nie, nie" im Leben.

 

Katherina Lange versprüht den angerauhten Charme einer Berliner Kodderschnauze, obwohl sie hier nur an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch studierte und später gelegentlich bei Gastspielen in der Volksbühne oder im Deutschen Theater zu sehen war. Ihre Mutter ist die renommierte Regisseurin Irmgard Lange. Die Versuche, gemeinsam zu arbeiten, scheiterten jedoch kläglich ‑ zu viel Privates schwang mit, die Mutter wurde besonders streng, die Tochter geriet in pubertäre Strampelphasen: "Solche Rangeleien auf den Proben kann man niemandem zumuten."

 

Nach Engagements in Chemnitz, Dresden und Frankfurt am Main ist sie allerdings inzwischen der Liebe wegen an die Spree gezogen. Die Festanstellung in einem Ensemble hat sie hier gemieden, enttäuscht von der "Notgemeinschaft" am Schauspiel Frankfurt, die ihren Vorstellungen eines geschlossenen Ensembles nicht mehr entsprach. Katherina Lange ist keine Ostalgikerin, aber auch keine euphorische Verteidigerin der westlichen Konkurrenzgesellschaft: "Mich stört es, wenn sich an einem Theater einzelne Leute ohne Rücksicht auf Verluste nach vorne drängeln und dabei weder ein Gruppengefühl entwickeln noch das jeweilige Stück bedienen." Beim Theaterspielen geht es ihr, wie sie betont, "immer noch um Kunst" ‑ und nicht um Selbstverwirklichung oder Starrummel. Sie liebt ihren Beruf, denn die "Nische Theater" erscheint ihr immer noch als ein besonderer Ort, an dem sich besondere Dinge zutragen können, wenn nur alle an einem Strang ziehen. Zwischen 1989 und 1992 arbeitete Katherina Lange am Staatsschauspiel Dresden unter dem Intendanten Wolfgang Engel und erlebte, wie Theater ganz selbstverständlich zum politischen Forum werden konnte. Zwar zählt sie Schauspieler zu den angepaßtesten Gesellschaftsgruppen, "weil sie so viel von sich hergeben und dafür um jeden Preis geliebt werden wollen". In diesem "Hurenberuf ist man es gewohnt, in andere Meinungen und Denkrollen hineinzuschlüpfen, bis man unter Umständen das Eigene verliert". Aber das möchte sie nicht, weshalb ihr altmodische Begriffe, wie Treue, Loyalität und Zivilcourage viel bedeuten.

 

Ein Theater leiten möchte sie "auf keinen Fall" ‑ wegen der ständigen Schlachten ums Geld. Die Regie wäre schon eher ihr Fall, auch weil sie weiß, wie sich Schauspieler fühlen. Sie selbst mag es nicht, von einem Regisseur dauernd angeschrien zu werden: "Ich bin ein sinnlicher Mensch, mich muß man eher verführen."

 

Wenn sie sich eine Figur aussuchen könnte, wäre das wahrscheinlich Ibsens Nora, auf jeden Fall "ein großes Stück mit Tiefgang ‑ da ist die Rolle dann fast egal." In einem Stück von Ibsen wird sie auch bald beim Theatertreffen zu sehen sein. Sie spielt in Lars‑Ole Walburgs Inszenierung von "Ein Volksfeind" am Theater Basel, die mit einer Einladung nach Berlin geehrt wurde.

 

In Basel hat sie sich selbst beworben, weil ihr die Arbeit des jungen Teams um Stefan Bachmann gut gefallen hat, das behutsame Herangehen an die regionale Situation, das "nicht großkotzige" Auftreten und daß sie "den Ball so schön flach gehalten" haben. Katherina Lange spricht mit einer nachdenklichen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Witz wie jemand, der eine dünne und ehrliche Haut hat. Man glaubt ihr, wenn sie sagt, daß ihr die Kunst wichtiger ist als die Künstler. Das Berliner Publikum hat sie vielleicht auch deshalb immer freundlich aufgenommen, obwohl es in Schauspielerkreisen als das härteste überhaupt gilt, spröde, arrogant und meckerig. Doch einen klaren, herzhaften Spielzug weiß es nicht nur im Olympiastadion zu schätzen, zumal wenn er mit so viel Charme und Understatement ausgeführt wird, wie es Katherina Lange kann.

 

                                                                             


FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

 

Nicht aufgehen, ausloten!

von Claudia Schülke

"Psychologie ist hier fehl am Platz." Über Realismus und Karikatur, Satire und Farce mag die Schauspielerin im Zusammenhang mit ihrer neuen Rolle, der  Márja in Gogols "Revisor", nicht diskutieren, denn literaturwissenschaftliches Schubladendenken liegt ihr nicht. Als tragikomische Tochter eines genasführten Stadthauptmanns (Jürgen Holtz) läßt sie sich heute an einen hochstapelnden Stutzer (Hans Falár) verhökern.

 

Katherina Lange wußte immer, was sie werden wollte. In Weimar als Tochter einer Schauspielerin und eines Schauspielers geboren, kam für sie gar nichts anderes in Frage als der Beruf ihrer Eltern. Der "Produktionsunterricht" in der zwölften Klasse war für sie eine "Katastrophe", weil sie mit der Revolverdrehmaschine nicht zu Rande kam. Dafür galt sie schon im zweiten Jahr ihres vier Jahre währenden Studiums als "verkauft": ans Theater in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt). Dort gab sie ihr Debüt als Irina in Tschechows "Drei Schwestern", spielte Shakespeares Julia und die Schlee in Frank Castorfs auch in Frankfurt bekannt gewordener Inszenierung von Heiner Müllers "Bau". Nach drei Jahren wechselte sie ans Dresdner Staatsschauspiel. Wolfgang Engel besetzte sie dort als Helena und Stella. Ihm folgte sie nach Frankfurt. Kaum von Dresden nach Frankfurt umgesiedelt, steht sie schon zum dritten Mal in einer tragenden Rolle auf der hiesigen Bühne. Als Ismene hatte sie der filigranen Antigone in Gestalt Judith Engels beinahe mannhaft Paroli geboten; als Eboli befreite sie die mißbrauchte Liebende vom Klischee der Intrigantin. Dazu noch hat sie die Agnes Sorel in Schillers "Jungfrau" und die Jessica in Shakespeares "Kaufmann" von Kolleginnen übernommen.

Schon längst hat sie gelernt, zwischen Abendvorstellungen und Probenarbeit mit ihren Kräften zu haushalten. Sie schwört auf Disziplin. Die hat ihr Gertrud-Elisabeth Zillmer, ihre Lehrerin an der Ostberliner Ernst-Busch-Schule, beigebracht.

 

Doch habe sie am meisten von Castorf gelernt. "Als ich von der Schule kam und zu wissen meinte, wie es geht, da brachte er mir ganz elementare schauspielerische Dinge bei": wie wichtig Auftritte und Abgänge seien, daß ein Schauspieler konsequent in der Rolle sein müsse und extrem im Finden der Mittel. Nein, "aufgehen" solle er nicht in der Rolle, aber "ausloten" müsse er seine Figur so tief wie möglich, und die Mittel könne er schließlich lernen. Weiter lasse sich das verbal nicht vermitteln. Jedenfalls müsse es nicht immer eine Rolle mit vielen Worten sein, wenn nur der Autor ihr etwas von seiner eigenen Qualität mitgebe. Shakespeares Julia verlange zum Beispiel Tempo im Monolog, also rasche Auffassungsgabe, "emotionale und geistige Gewandtheit".

 

Katherina Lange glaubt nicht nur an Disziplin und erlernbares Handwerk, sondern auch an das Glück des Zusammenwirkens von Schauspieler und Regisseur. "Beide müssen sich öffnen, beide geben sich preis, wie in der Liebe." Doch meist laufe es auf einen Machtkampf hinaus, weil beide ihre Kräfte aneinander messen. Nicht so bei Hans Hollmann. Bei ihm fühlt sich die Schauspielerin in ihrer Individualität zugelassen.

 

Auch ein gewisses Ethos gehöre zu ihrem Beruf: Präsenzpflicht, wie die verletzte Anny Stöger sie ihr einst vorexerziert hatte, oder die Zivilcourage ihres früheren Intendanten. Gerhard Wolfram habe nach seiner Strafversetzung vom Deutschen Theater Berlin nach Dresden das dortige Staatsschauspiel zu einem der ersten Häuser in der DDR gemacht.

 

Mit Frankfurt tut sie sich schwer. "Die Stadt ist so kalt und so extrem: gleich nebenan die Fixer und das Nuttenviertel." Bilder, die ihr fremd sind. Und die Konkurrenz auf dem freien Markt? Die Existenzangst lasse kaum innere Ruhe und Konzentration auf die Arbeit zu, aber dafür seien die Ensembles im Osten am staatlichen Reglement erstarrt. Beides sei eine Frage des Maßes. Existenzangst verspürt sie nicht. Nur vor eiligen Urteilen und Unterstellungen scheut sie zurück. Auch ist sie lieber weiter weg von ihren Rollen als zu nah dran; denn auf der Bühne fühlt sie sich angreifbar. "Dieser Beruf setzt sich aus allem zusammen: aus Kopf, Bauch, Körper - aus mir."


BILD-ZEITUNG

 

Shootingstar zum Anhimmeln

 

Eine sexy Zuckerpuppe, Marke Dummerchen, immer gut drauf. Wenn's so eine gäbe! Es gibt sie. Im Renaissance‑Theater. Wo Dunkelblond‑Fans jetzt was anzuhimmein haben: Katherina Lange ist da.

 

In Alan Ayckbourns "Things we do for Love" (Dinge, die wir aus Liebe tun). Der zurzeit wohl bitter‑beste Komödie Berlins. Sie ist die süße Nikki, verknallt in ihren Verlobten (Friedrich-Karl Praetorius). Mehr verraten wir nicht. Aber dies: sie ist wirklich eine Fröhliche. Nur doof ist sie nicht.

 

Katherina Lange. Geboren in Weimar, Berliner Schauspielschule Ernst Busch, Hauptrollen am Theater Karl‑Marx‑Stadt, am Staatsschauspiel Dresden. 1992 wagt sie sich in den Westen ‑ ans Schauspiel Frankfurt/Main. Und wird bejubelt ‑ eine der wenigen Ost‑Schauspieler, die sich "drüben" durchgesetzt haben. "Dort werde ich auch künftig auftreten."

 

Obwohl sie mit ihrem Freund, dem Autor und Kabarettisten Volker Kühn, inzwischen in Charlottenburg lebt. Was für manche Ost‑Freunde ein Problem ist: "Die wollen da nicht hin. Für die bin ich ein Verräter." Das findet die 37‑jährige blöd. Immer noch gebe es diese Ängste. "Wenn ich zu meiner Mutter nach Dresden fahre, denke ich: viel geändert hat sich nicht!"

 

Kesse Worte ‑ typisch für die kluge Katherina. Die Boulevard-Theater schlicht schön findet: "Wenn man's ernsthaft angeht, so wie die Klassiker." Was sie tut. Und sie ist perfekt.